10.12.2009 - Deutschland

„Ultra ist eine Lebensauffassung, ein Lebensrhythmus“


Mittlerweile stellen die Ultras in fast jedem Stadion die tonangebende Gruppe. Sechs Köpfe deutscher Ultragruppen gaben Auskunft über den Stand der Szene im Jahr 2008. Faszination Fankurve veröffentlicht Auszüge eines Interviews aus „Faszination Fankurve 3“.

„Faszination Fankurve Band 3: 2005 – 2008“ erschien im Oktober letzten Jahres und ist exklusiv im Faszination Fankurve-Shop erhältlich.

Faszination Fankurve: Wo steht die Ultraszene im Jahr 2008?

Magnus „Wolle“ Wollenhaupt, The Unity (Dortmund): Wo Ultra im Jahr 2008 steht? Das ist eine gute Frage. Die Szene ist in vielen Städten bereits seit über zehn Jahren im Gange und viel hat sich gut entwickelt. 2008 stehen wir in Dortmund aber noch lange nicht da, wo wir uns selber gerne hätten. Die Möglichkeiten und das Potenzial lassen noch viel Luft nach oben offen. Ohne die Entwicklung der Ultras zu Beginn des Jahrtausends wäre in Dortmund nichts mehr los. Es gibt hier bekanntermaßen drei große Gruppen, die langsam, aber stetig enger zusammenwachsen, um die Kräfte weiter zu bündeln. Dabei versuchen wir, traditionelles Fansein sowie moderne Einflüsse zu kombinieren und der Tribüne unseren Stempel aufzudrücken, ohne die anderen Fans außen vor zu lassen. Anders als in anderen Städten wollen wir auf der Tribüne nicht unser eigenes Ding durchziehen, sondern mit allen gemeinsam unseren Verein unterstützen. Das ist unser Weg, den es weiter zu festigen gilt.

Jens „Gurke“ Batzdorf, Ultima Raka (Cottbus): Das ist von Szene zu Szene unterschiedlich. In Cottbus haben wir als Gruppe einen gefestigten Stand innerhalb der Fanszene. In vielen Dingen sind wir meinungsbildend. Deutschlandweit sind die Ultras zumeist die letzten Fans, die sich mit diversen Themen kritisch auseinandersetzen. Angesichts des großen konsumierenden Rests kämpft man gegen Windmühlen.

Jojo Liebnau, Chosen Few Hamburg: Wir stehen an einem Scheidepunkt, ganz klar. Die Ultraszene hat sich stark entwickelt. Vor allem, wenn man sich an die wirklichen Anfänge um 2000 herum zurückerinnert. Die Ultras dominieren bei so ziemlich jedem Verein in puncto Qualität. Also Dingen wie Support oder Choreos. Momentan scheint sich der Trend jedoch von Fanpolitik und Support Richtung Bannerklau und Rumgepose zu verlagern. Unglaublich, dass oftmals nach Schema F verfahren werden muss und jeder jedem irgendein 0815-angebliches Ultragetue nachmacht. Man muss auch mal über dieses Gepose lachen können und nicht jeden Scheiß mitmachen, nur weil irgendjemand jetzt sagt, dass das ultra ist…

David Barr, Wilde Horde (Köln): Aus meiner Sicht steht die Szene absolut nicht am Scheideweg. Im Rückblick auf die letzten fünf, sechs Jahre hat sich alles extrem weiterentwickelt. Früher ging es vielen nur ums Saufen, heute hat die Ultrakultur viele Facetten: Neben üblichen Dingen, wie akustischer oder optischer Unterstützung, engagieren sich viele Gruppen auch sozial. Alles in allem ist die Bewegung reifer geworden, aber noch nicht tief genug verankert. In großen Stadien machen die Ultras nur einen kleinen Prozentteil der Besucher aus. Kritisch ist die Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit einiger Gruppen zu sehen.

Laura Worthmann, Ultrà Sankt Pauli: Obwohl wir der Meinung sind, dass es sich bei Ultra noch immer um eine relativ junge Erscheinung handelt, glauben wir, dass sich die allermeisten Gruppen durch die Aktivitäten der letzten Jahre irgendwie gefunden haben. Ohne die Ausprägungen gleich bewerten zu wollen, lässt sich sagen, dass die meisten Gruppen anscheinend einen Kurs ausgemacht haben, nach dem es ihrer Meinung nach laufen soll. Darüber hinaus lässt die unglaubliche Heterogenität der Gruppen und Szenen kaum einen direkten Vergleich zu. Die Rahmenbedingungen sind einfach zu verschieden. Ein kleiner Trend mag sein, dass im begrenzten Maße und im Rahmen der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten mehr auf Qualität gesetzt wird.

Sebastian Grau, Ultras Nürnberg: Die Szene ist wohl gesellschaftlich angekommen. Positiv und negativ. Das ist der wichtigste Schritt der letzten fünf Jahre. Ultra wird öffentlich beachtet. Dazu ist die Ultrakultur durch jüngere Generationen in allen Szenen vertreten. Selbst solche, die sich selbst nicht als Ultras bezeichnen, verwenden die Stilmittel.

Faszination Fankurve: Kann man anhand verschiedener Auftretens- und Darstellungsweisen einen nationalen Vergleich wagen?

Wollenhaupt (TU): Klar gibt es Unterschiede, doch beschäftige ich mich damit nicht so intensiv, als dass ich diese Frage differenziert beantworten könnte.

Batzdorf (UR): Ich würde das aus den gleichen Gründen auch nicht wagen. Ich möchte und muss mich nicht andauernd messen, sondern beschäftige mich lieber mit Energie.

Liebnau (CFHH): Nur dann, wenn alle Komponenten berücksichtigt werden. Zum Beispiel müssen die Verschiedenheiten der Szene oder die baulichen Beschaffenheiten im Stadion einbezogen werden. Dazu das Verhältnis zum Verein. Wir haben großen Einfluss im Verein, bei Bayern müssen die Fans für alles kämpfen. Weil die Voraussetzungen bedacht werden müssen, ist der Vergleich schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Zudem kommt es auch ganz einfach auf die Tagesform an.

Barr (WH): Im Endeffekt sitzen fast alle Gruppen im gleichen Boot, schließlich haben sich alle für das gleiche Fanideal entschieden. Wenn es um Stadionverbote und dergleichen geht, darf der durch die Gruppen unterschiedlich verfolgte Stil keine Rolle mehr spielen.

Worthmann (USP):Das ist sehr schwierig: Man könnte ja sowieso nur den kleinen Teil bewerten, der über Choreografien, Videos und Fotos an die Oberfläche dringt. All die anderen Dinge, die wir für elementar halten, bekommt man gar nicht mit. Es könnte zig Kriterien geben, die Vergleiche ermöglichen und viele könnten sinnvoll sein. Jede Gruppe würde dort an einer Stelle mehr, an anderen weniger punkten, doch wer bestimmt die relevanten Kriterien? Es gibt Gruppen, die völlig unabhängig von jedem Kriterium schlecht sind, aber so richtig weit kommt man mit Vergleichen kaum. Ohne konkret zu werden − es bekommen von uns Gruppen wirklich viel Respekt, die bei einem großen Teil der deutschen Ultras vermutlich nicht so wohlgelitten sind.

Grau (UN): Den nationalen Vergleich muss man sogar wagen, die Diskussion über die beste Gruppe ist extrem wichtig. Daraus entsteht Lust und Anreiz, sich zu verbessern. Wenn das Geschehen auf dem Spielfeld egal und der Vergleich auf der Straße nicht möglich ist, muss er über die Leistung der Kurve unter Berücksichtigung des Umfelds gezogen werden. Sowieso scheuen nur Szenen den Vergleich, die selbst nichts hinbekommen.

Faszination Fankurve: Wo seht Ihr die deutsche Ultraszene im internationalen Vergleich?

Grau (UN): Wir haben Freunde aus Brescia, die sind heutzutage ähnlich beeindruckt, wie wir das früher von denen waren. Unser Kontakt zur Vereinsführung wird zum Beispiel als sehr positiv angesehen – die können nicht Stunden vor dem Spiel ins Stadion. Aus deren Sicht ist die Organisation der Szene typisch deutsch, was aber nicht negativ gemeint ist. Im gesellschaftlichen Bezug können sich die deutschen Ultras international sehen lassen.

Barr (WH): Ich sehe die gesamtdeutsche Szene ganz weit vorne. Einzelne ausländische Szenen sind natürlich älter und weiter. Nichtsdestotrotz steckt nicht hinter jeder Gruppe hierzulande ein klares Ideal. In Deutschland ist eben alles noch sehr jung und frisch, daher strotzt es vor Ideen. Es gibt eine große Kreativität. Man muss sich nur mal die vielen Choreos und Aktivitäten anschauen. In Deutschland gibt es viele, über das ganze Land verteilte Szenen. Das ist ein positiver Aspekt. Und man macht sich im Vergleich gerne schlechter als man ist.

Wollenhaupt (TU): Deutschland hat sich schon sehr gemausert. Die Szenen sind erwachsener geworden. Die ernstzunehmenden Szenen werden ihren Weg gehen und allen Widrigkeiten, die die Zeit mit sich bringt, trotzen. So wird der Standort Deutschland immer seinen Platz in den oberen Gefilden Europas innehaben.

Batzdorf (UR): Wir brauchen uns nicht zu verstecken. In puncto Organisation und Stand in der Szene stehen deutsche Ultragruppen gut da. Optisch auch. Dazu kommt die Masse an Fahrern – selbst in unteren Ligen sind große Gruppen unterwegs. Polen wird oft gelobt. Da steigt ein Club in die vierte Liga ab, und keiner hat mehr Bock. Das gäbe es hier nicht.

Liebnau (CFHH): Was Choreos betrifft, kann Deutschland auf jeden Fall mithalten, dazu ist der Einfluss auf die Vereine sehr groß. Bei der Mentalität hinken wir hinterher: Viele regen sich zu sehr auf und vergessen dabei, ihr Ding durchzuziehen. Lernen können und müssen wir aber sicher auch noch eine Menge.

Faszination Fankurve: Früher war Italien, Herkunftsland der Ultras, das Maß der Dinge. Aufgrund verschiedenster Entwicklungen hat sich dort über die Jahre vieles verändert. Welche Länder üben heute den stärksten Einfluss aus?

Batzdorf (UR): Aus heutiger Sicht ist Italien kein Vorbild mehr. Dinge wie Cluberpressung haben nichts mit Vereinsunterstützung zu tun. Das ist kriminell. Heute gibt es kein „Überland“ mehr. Außerdem sollte man sowieso nicht einfach abkupfern, sondern die eigene Mentalität einfließen lassen.

Barr (WH): Durch die Freundschaft mit PSG ist das für uns als Gruppe sicherlich Frankreich. Aus meiner Sicht leben die das alles noch etwas mehr als wir, wobei wir in anderen Dingen im Gegensatz stärker sind als sie. Auch wenn dort nicht mehr viel geht, hat Italien immer noch großen Einfluss. Die Gruppen aus dem Osten orientieren sich hauptsächlich an Osteuropa, womit wir uns gar nicht identifizieren können. Dann gibt es natürlich noch einzelne Gruppen aus anderen Ländern. Nicht zu vergessen die großen Gruppen aus Österreich und der Schweiz, die top sind.

Wollenhaupt (TU): Ich denke, dass wir mittlerweile an einem Punkt angelangt sind, an dem wir uns nicht mehr nach rechts und links umschauen müssen, um Einflüsse aufzusaugen. Die Szene in Deutschland sollte mittlerweile so weit sein, sich selber zu gestalten, das würde jeden Standort viel einzigartiger machen. Die Städte und Szenen

geben mehr her, als sich durch kopieren ferner Dinge erreichen lässt.

Liebnau (CFHH): Immer häufiger wird sicherlich Polen genannt, aber auch weiter entfernte Länder – Ex-Jugoslawien, Griechenland und sogar Südamerika spielen eine Rolle. Dennoch steht Italien für mich noch an eins, auch wenn die Leute es nicht zugeben wollen.

Worthmann (USP): Südamerika, Ostblock, YouTube.

Grau (UN): Wenn die Leute heute nach Griechenland oder Polen schauen, ist das schon fast eine Art Ultrapornografie. Die stärksten Einflüsse kommen für mich aus der Gesellschaft.

Faszination Fankurve: Ein Dauerthema in der deutschen Ultraszene ist die Stadionverbotproblematik, auch weil Ultras davon sehr stark betroffen sind. Verschlimmert sich die Situation sogar noch, oder seht Ihr in der Lockerung der Richtlinien im Zuge des Leipziger Fankongresses einen Schritt in die richtige Richtung?

Liebnau (CFHH): Ich glaube nicht, dass das eine Folge des Fankongresses, sondern das Ergebnis der andauernden Arbeit einiger Gruppen ist. Die Lockerung ist sicher gut, die Vergabepraxis jedoch nach wie vor fraglich. Wie auch die Datei Gewalttäter Sport. Die Ultras sind gefordert, in den Vereinen Einfluss auszuüben, zum Beispiel mit dem Sicherheitsbeauftragten zu reden. Ein Stadionverbot darf nur das letzte Mittel sein. Jeder hat eine zweite Chance verdient. Wer die nicht nutzt, ist selbstverständlich selbst Schuld.

Barr (WH): Das Hauptproblem ist, dass Stadionverbote rechtlich immer noch schwammig sind. Entgegen unserem Rechtsprinzip gilt die Unschuldsvermutung bei der Vergabe eines Stadionverbots nicht bis zum Prozess. Stadionverbote werden präventiv ausgesprochen. Ich denke, dass sich die Leute nicht durch Verbote von ihrer Sache abbringen lassen werden, soziale Tätigkeiten als „Strafe“ wären sicherlich der bessere Weg.

Grau (UN): Auch wenn es kein Schritt in die falsche Richtung war, ist noch längst nicht alles gut.

Wollenhaupt (TU): In Dortmund hat sich das meiner Auffassung nach gebessert. Wir stehen im ständigen Dialog mit den Verantwortlichen unseres Vereins. Und da das Verhältnis nahezu perfekt ist, können wir da auf kleinem Dienstweg eine Menge erreichen. Auch für andere Vereine haben wir schon hier und da etwas erreicht, wenn das Verbot vom BVB ausgesprochen wurde. Vor ein paar Jahren war das noch schier undenkbar.

Batzdorf (UR): In Sachen Stadionverbotsproblematik bin ich sehr pessimistisch. Sicherlich gibt es gerechtfertigte Fälle. Letztendlich schafft man es mit Stadionverboten aber auch immer wieder, die aktive und kritische Szene zu schwächen. Drei oder fünf Jahre Stadionverbot spielen keine Rolle – danach ist man im Grunde raus.

Faszination Fankurve: Wie stellt Ihr Euch die Zukunft der Ultrabewegung in Deutschland vor?

Barr (WH): Wenn die Szene weiter reift, hat die Bewegung Zukunft. Allerdings muss auf die wesentlichen Punkte geachtet werden. Glaubwürdigkeit ist wichtig, man muss auch mal Dinge durchziehen, die der Masse nicht gefallen.

Liebnau (CFHH): Lauter, stärker, kreativer, einflussreicher und hoffentlich sinnvoller.

Batzdorf (UR): Möglicherweise gibt es bald mehr Vereine nach den Vorbildern FC United of Manchester oder auch der neu gegründeten BSG Chemie Leipzig. Viele Vereine sind mittlerweile Kapitalgesellschaften. Die müssen absolut profitorientiert arbeiten, weswegen sich die Schraube der Kommerzialisierung weiter drehen wird, was die Unterstützung wiederum erschwert. Ultras müssen sich bemühen, mehr als nur Staffage zu sein und das Geschehen im Verein beeinflussen. Einen kickenden AG-Angestellten brauche ich nicht zu unterstützen, da hat es ein Bergarbeiter nötiger.

Worthmann (USP): Einige Gruppen werden es schaffen, Ultra zu einem Massenphänomen zu entwickeln, und das wird sicher ein spannender Weg. Viele Gruppen werden stagnieren, die richtig großen Sprünge sind nicht mehr zu erwarten. Das wird entweder dazu führen, dass sie sich ihre Nischen suchen und weitermachen, einige werden sich sicher im Laufe dieser Entwicklung auflösen. Und wer weiß, die eine oder andere Überraschung wird sicher auch noch dabei sein.

Wollenhaupt (TU): Ich hole mal eben meine Glaskugel raus. Im Ernst: Ich kann das schlecht einschätzen, grade wenn es um die gesamtdeutsche Szene geht. In Dortmund ist die Akzeptanz da, wenngleich es immer Nörgler geben wird. Für unsere Gruppe wünsche ich mir, dass wir klare, feste Strukturen innerhalb der Stadt aufbauen, damit unsere Gruppe und Ultras in Dortmund auf lange Sicht ein kreativer, lauter und vor allem lebendiger Teil der Stadt ist, der Borussia immer und überall den Rücken stärkt, aber auch innerhalb des Vereins die Finger mit im Spiel hat.

Grau (UN): Die Zukunft liegt nicht allein in unseren Händen. Wir sind von dem abhängig, was in Deutschland passiert. In zehn Jahren werden wir wohl immer noch mitten im Kampf für unsere Rechte stecken, aber auch immer noch unser Leben in der Kurve leben… Inwieweit es mit heute zu vergleichen sein wird, weiß wohl nur Theo Zwanziger. (Faszination Fankurve)

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