Fan-Petition für einen fairen und volksnahen Fußball: Italiens Ultras fordern grundlegende Reformen
Mehr als 120 Fan- und Ultrasgruppen aus ganz Italien haben sich zusammengeschlossen, um den italienischen Fußball wieder stärker an den Interessen der Fans auszurichten. Mit einer Petition an den Senat verlangen sie bezahlbare Ticketpreise, fanfreundliche Anstoßzeiten, den Schutz von Auswärtsfahrten und mehr Mitbestimmung – mit dem Ziel, den Fußball wieder als gesellschaftliches Kulturgut zu stärken.

Die italienischen Fanszenen setzen ein deutliches Zeichen gegen die Entwicklung des modernen Fußballs. Im Rahmen einer Pressekonferenz am Abend des 10. März 2026 wurde in Vicenza die Petition "Per un calcio giusto e popolare", übersetzt: „Für einen fairen und volksnahen Fußball“ vorgestellt, die inzwischen von mehr als 120 Fangruppen aus ganz Italien unterstützt wird. Hinter der Initiative stehen Fans unterschiedlichster Vereine und Ligen, die ihre Rivalitäten bewusst zurückstellen, um gemeinsame Interessen zu vertreten.
Die Petition richtet sich an sämtliche Institutionen, die den italienischen Fußball gestalten – vom Italienischen Fußballverband (FIGC) über die Profiligen der Serie A, B und C bis hin zur Nationalen Amateurliga (Lega Nazionale Dilettanti) und den Staat. Im Mittelpunkt der Petition steht die Forderung, den Fußball wieder stärker an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten, die Woche für Woche die Stadien füllen. Nach Ansicht der Initiatoren haben wirtschaftliche Interessen, steigende Eintrittspreise, unattraktive Anstoßzeiten und immer umfangreichere Sicherheits- und Verwaltungsmaßnahmen die Fankultur in den vergangenen Jahren zunehmend an den Rand gedrängt.
Zu den zentralen Forderungen gehören feste Preisobergrenzen für Tickets in den Fankurven und Gästeblöcken, die Abschaffung der zersplitterten Spieltage zugunsten fanfreundlicher Anstoßzeiten sowie der Erhalt traditioneller Fankultur durch den erleichterten Einsatz von Fahnen, Trommeln und Choreografien. Darüber hinaus sprechen sich die Unterzeichner gegen Reservemannschaften (Zweitvertretungen) in den Profiligen aus und fordern stattdessen eine eigene Spielklasse für diese Teams.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Schutz von Auswärtsfans. Reisebeschränkungen und kurzfristige Verbote sollen auf ein notwendiges Mindestmaß reduziert werden. Gästefans soll ermöglicht werden, ihre Reisen weit im Voraus zu planen – unter Wahrung ihrer verfassungsrechtlich garantierten Bewegungsfreiheit und der Möglichkeit, Stadiontickets auf herkömmlichem (nicht-digitalem) Wege zu erwerben. Gleichzeitig wird eine individuelle Ahndung von Fehlverhalten gefordert, anstatt ganze Fangruppen pauschal für das Verhalten Einzelner zu bestrafen. Auch Stadionverbote (DASPO) sollen künftig einer gerichtlichen Überprüfung unterliegen, um den Rechtsschutz der Betroffenen zu stärken.
Darüber hinaus fordert die Petition strengere Regeln für den Erwerb und Besitz von Fußballvereinen sowie ein Verbot des Mehrfachvereinsbesitzes. Dadurch sollen Interessenkonflikte vermieden und die Identität sowie die regionale Verwurzelung der Vereine langfristig geschützt werden.
Mit der offiziellen Eingabe an den italienischen Senat wollten die Initiatoren mindestens 50.000 Unterschriften und damit eine politische Debatte über die Zukunft des italienischen Fußballs anstoßen. Ihr Anliegen geht dabei über einzelne Faninteressen hinaus: Fußball soll wieder als gesellschaftliches und kulturelles Gemeingut verstanden werden.
Nach Angaben der Initiatoren unterstützen inzwischen mehr als 140.000 Menschen die Petition. Sie sehen darin ein Signal, dass sich viele Fans nicht länger mit einem zunehmend kommerzialisierten Fußball identifizieren. Ihr Anliegen sei nicht die Forderung nach Sonderrechten, sondern nach der Möglichkeit, Fußball weiterhin als gesellschaftliches und kulturelles Gut erleben zu können.
Insgesamt wurden 141.653 Unterschriften gesammelt und das Ziel deutlich übertroffen. Aus der ursprünglichen Unterschriftensammlung ist inzwischen ein offizielles parlamentarisches Verfahren geworden. Mit dem Protokoll Nr. 5437/S vom 17. Juni 2026 wurde die Petition als Dokument Nr. 1801 an den 7. Ständigen Ausschuss des italienischen Senats für Kultur, Bildung, Forschung, Unterhaltung und Sport überwiesen. Damit ist der Senat verpflichtet, sich mit den Forderungen auseinanderzusetzen, einen Berichterstatter zu benennen und über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Möglich sind Anhörungen von Fanvertretern oder die Weiterleitung der Vorschläge an die Regierung mit dem Ziel gesetzlicher Änderungen.
Rechtsanwalt Antonio Radaelli brachte das Anliegen der Initiative auf den Punkt: Während die italienische Fankultur im Ausland vielfach als Vorbild gelte, werde sie im eigenen Land zunehmend eingeschränkt. Nach Jahrzehnten, in denen über die Fans gesprochen worden sei, müsse nun endlich mit ihnen gesprochen werden.
Mit der Überweisung an den zuständigen Senatsausschuss liegt der Ball nun bei der Politik. Ob aus den Forderungen konkrete Reformen entstehen, bleibt abzuwarten. Für die italienischen Fanszenen ist jedoch bereits jetzt ein wichtiges Ziel erreicht: Erstmals seit vielen Jahren werden ihre Anliegen auf parlamentarischer Ebene offiziell behandelt.
Mehr als 120 Fangruppen Italiens unterstützen die Petition:
Acerra Acireale, Afragola, Altamura, Ancona, Andria, Angri, Arezzo, Ascoli, Atalanta, Avellino, Avigliano, Aversa, Bari, Barletta, Bassano calcio e hockey, Benevento, Biella, Bisceglie, Bitonto, Bologna, Bolzano calcio e hockey, Südtirol, Borgosesia, Brescia, Brindisi, Brusciano, Caivano, Campobasso, Canicattì, Canosa, Cappella, Monte di Procida, Carpi, Carrara, Casalbordino, Casal Monferrato, Casalnuovo, Casarano, Caserta, Castelfidardo, Castellammare di Stabia, Castel San Giorgio, Catania, Cava de’ Tirreni, Cerignola, Cervinara, Cesena, Chieti, Cimitile, Cittadella, Como, Corato, Corigliano, Cosenza, Cremona, Crotone, Eboli, Empoli, Entella, Fanfulla, Fano, Fasano, Fermana, Fermignano, Ferrandina, Fiorentina, Foggia, Foligno, Francavilla al Mare, Francavilla Fontana, Gallipoli, Gela, Genzano di Lucania, Giana Erminio, Giarre, Giugliano, Giulianova, Gragnano, Gravina, Grosseto, Grottaglie, Guglionesi, Imperia, Ischia, Isernia, Jesi, Lanciano, Larino, Lavello, Locorotondo, Macerata, Magenta Magile, Manduria, Manfredonia, Mantova, Matera, Massafra Melfi, Mercato San Severino, Mestre, Messina, Milazzo, Modena, Modica, Molfetta, Monopoli, Monte Celio, Montescaglioso, Montevarchi, Monza, Mosciano, Napoli, Napoli basket, Napoli futsal, Nola, Notaresco, Novara, Osimo, Ostuni, Ottaviano, Padova, Pagani, Palazzolo, Palermo, Parma, Perugia, Pescara, Pesaro, Pianella, Piacenza, Pistoiese, Poggibonsi, Pompei, Pontedera, Pordenone, Portici, Praia, Prato, Pro Patria, Pro Sesto, Pro Vercelli, Qualiano Quarto, Ragusa, Ravenna, Reggiana, Reggio Calabria, Rocca Piemonte, Salerno, Salò, San Biagio, Sampdoria, San Benedetto del Tronto, San Gennaro vesuviano, San Lorenzo in campo, Sanremo, San Salvo, Santa Maria la carità, Sant’Egidio la vibrata, Sangiovannese, Sarno, Sassuolo, Savona, Scafati, Senigallia, Sestri Levante, Siano, Siracusa, Sorrento, SPAL, Spinazzola, Taranto, Taurisano Ternana, Terzigno, Tolentino, Torres, Torre Annunziata, Trapani, Trani, Trebisacce, Trepuzzi, Trento, Trieste, Tricase, Udine, Vasto, Venafro, Venezia e Vicenza.
(Faszination Fankurve, 30.06.2026)



