Ein Verein, der durch seine Fans lebt: Zu Besuch bei Chemik Kędzierzyn-Koźle

Chemik Kędzierzyn-Koźle befindet sich seit vielen Jahren im unterklassigen und aus Fansicht mehr als unattraktiven Gefilden des polnischen Fußballs. Dennoch etablierte sich hier über die Jahre eine stabile Fanszene, die eng mit Chemik verbunden ist. Vor 20 Jahren wiederbelebte man gar das Vereinsleben, nachdem dieses über sieben Jahre still lag. Das 20-jährige Jubiläum der Reaktivierung wurde nun im Rahmen eines Heimspiels ordentlich gefeiert: ein Kampfsporttraining, eine große Choreografie und auch eine riesige Abordnung der Freunde aus Częstochowa waren Teil des Tages. 

Bild: lopovia

Kędzierzyn-Koźle ist eine etwa 50.000 Einwohner zählende Stadt aus der Woiwodschaft Opolski. In dieser Region dominieren vor allem die Fans von Odra Opole. Doch mit Chemik Kędzierzyn-Koźle gibt es einen weiteren Verein, der zwar nie den großen sportlichen Erfolg erreichte, jedoch über eine der treusten Anhängerschaften in ganz Polen verfügt.

Der Verein besteht bereits seit 1947. Nach einer schwierigen finanziellen Phase wurde allerdings von 1999 bis 2006 der Spielbetrieb eingestellt. Hauptsponsor war schon immer das Stickstoffwerk Kędzierzyn. Seit Mitte der 1990er Jahre haben die Werke den Wandel der politischen Wende und die damit einhergehende Umstrukturierung nur schwer verkraftet. Die Stickstoffanlagen suchten nach Möglichkeiten, Geld zu sparen, um einen Konkurs zu vermeiden. Die Stadt Kędzierzyn-Koźle war ebenfalls arm, niemand wollte Geld für den weiteren Betrieb des Vereins bereitstellen.

Das Unternehmen heißt jetzt "grupa azoty". Und aufgrund des Krieges in der Ukraine haben sie auch finanzielle Probleme. Sie stellten sogar das Sponsoring ihres Aushängeschilds ein, der Volleyballabteilung von Kędzierzyn, die dreimal die Champions League gewonnen hatte. Sie gaben nur Geld für die Jugendabteilungen, aber nach 2021 war final Schluss.

Im Jahr 1999 ging der Verein bankrott, und die Fans waren noch nicht organisiert und reif genug, um ihn zu übernehmen. Dennoch hat man Stadt & Verein auf anderer Art und Weise in dieser Zeit repräsentiert. Zwischen 1999 und 2006 reiste man zu Spielen der ehemaligen Freunde GKS Jastrzębie sowie zur polnischen Nationalmannschaft.

Im Jahr 2005 begann man mit den Vorbereitungen für die Wiederbelebung des Vereins. So sammelten die Fans Spenden, meldeten sich bei den zuständigen Behörden an und sprachen mit Sponsoren und Spielern. Bis heute wird der Verein von seinen Fans geführt.

Die einstige Freundschaft GKS Jastrzębie (1992-2011) ist Geschichte. Stattdessen pflegt man eine stabile Freundschaft zu Raków Częstochowa, dem polnischen Meister von 2023, Vizemeister in den Jahren 2021, 2022 und 2025 sowie Pokalsieger in den Jahren 2021 und 2022. Diese wurde 2016 offiziell festgemacht. Regelmäßig Freundschaftsbesuche gehören trotz der Ligaunterschiede zur Tagesordnung. Etwa 120km trennen beide Orte voneinander.

Erzfeind ist wiederum Odra Opole. Ein Derby der Erstvertretungen gab es schon seit März 2013 nicht mehr. Aktuell spielt Odra in der zweithöchsten Spielklasse. Die Szene erreichte zuletzt einen quantitativen Sprung nach oben, was auch am neuen Stadion liegt. Dies wurde mit einem Spiel gegen den 1. FC Magdeburg eingeweiht – Faszination Fankurve berichtete. Die Feindschaft zwischen Opole und Kędzierzyn-Koźle findet dennoch immer wieder Höhepunkte. Bekannt ist bspw. der unangemeldete Besuch einiger Odra-Hools zu einem Heimspiel von Chemik im Jahr 2019.

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Einst spielte Chemik sogar eine Saison lang in der zweiten Liga. Aktuell verweilt man in der sechsthöchsten polnischen Spielklasse, wo es auf den Rängen nahezu nie Gegner gibt. Dennoch ist man jedes Spiel da und das auch mit starken Zahlen. So auch am vergangenen Samstag zum Heimspiel gegen MKS Pogoń Prudnik. Beachtliche 800 Zuschauer waren zugegen. Darunter über 500 Kibice im Fanblock. Dort war von Kindern bis zum gut gebauten Modul alles vertreten. Darunter auch 170 Freunde von Raków Częstochowa.

Bild: chemikfans

In den Tagen vor der Partie mobilisierte man fleißig innerhalb der Stadt. So wurde auch diverse Plakate aufgehangen.

Bild: chemikfans

An Spieltag gab es dann ein Training in einer Sporthalle, wo 80 Leute anwesend waren. Diese stärkten sich danach bei Steak und Kielbasa sowie kühlen Getränken, ein Gruppenbild in der Halle gab es ebenfalls noch. 

Bild: privat

Zur 15. Spielminute gab es dann Feuerwerksbatterien. Diese wurden aber aus der Gartensparte nebenan abgefeuert, da der Präsident keine Strafen haben wollte. Auf der anderen Seite wurde in der Mitte eine große Blockfahne hochgezogen. Auf dieser waren folgende Bilder zusehen: das Vereinslogo von Chemik, ein Spieler, der vor dem Fanblock jubelt, ein Tor mit einem Schal über der Latte, eine Faust, die einen Schal hält, drei Fans mit Megaphon, einer Fackel, ein 1947-Logo sowie ein 20 Lat Reaktywaci-Schriftzug. Dazu gab es allerhand Schwenkfahnen und ein langes Spruchband mit der grob übersetzen Botschaft: „Viele Menschen haben dich verraten und aus Profitgier verlassen. Doch wir die treusten Fans sind immer da“. Genau zu dieser Zeit zog ein Unwetter auf, somit hatten die Jungs an dem Banner ordentlich mit dem Wind zu kämpfen, aber es funktionierte alles wie gewollt.

Bild: lopovia

Außerdem gab es ein Jubiläumsshirt. Dies wurde symbolisch im Bilderrahmen an die Fans übergeben.

Bild: lopovia

Der Support wurde über das ganze Spiel hinweg von allen mitgetragen, teilweise erreichte man eine brachiale Lautstärke. Man merkte: der Fanblock hatte Bock gehabt auf diesen Tag. Immer wieder wurden die Freunde von Rakow besungen. In Summe blicken die Aktivisten auf einen genialen Tag zurück.

Das Spiel gewann Chemik mit 5:1 souverän. Ein Aufstieg ist dennoch nicht mehr möglich. Mit der Mannschaft feierte man jedenfalls den Sieg. Ein gemeinsames Mobfoto bildete den Abschluss eines Tages im polnischen Sechstligafußball, wie man ihn sonst wohl nur selten woanders findet.

Bild: lopovia

(Faszination Fankurve, 06.06.2026)

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