13.03.2015 - Fans

"Die Fußballgeilheit ist halt größer als die Disziplin"


Faszination Fankurve sprach mit den Fans Freddy und Naz, die aktuell in der Türkei einen Film über die Einführung der Fankarte Passolig produzieren, über ihr Werk, die Fanszene in der Türkei, Protesten von Fußballfans und Unterschiede beim Stadionbesuch in der Türkei und in Deutschland.

Faszination Fankurve: Was hat es mit dem Filmprojekt „Geisterspiel / Boş tribünler“ auf sich?
Naz: Wir beide haben die Ungerechtigkeiten in der Türkei, nicht nur gegen Fans, lange verfolgt und haben irgendwann ein Interesse daran entwickelt, auch selber darüber zu berichten. Wir haben in der Zeit nach den Gezi-Protesten schon mal Kontakt mit verschiedenen linken Fangruppen aus der Türkei gehabt und unter anderem ein Interview mit ‚KızılAslan‘ geführt. Freddy hat auch in einem Fanzine darüber berichtet. Wir haben uns nun für das Medium Film entschieden, um damit mehr Menschen erreichen zu können.
Freddy: Genau. Leider kann man einen Film nicht so einfach drehen, wie man ein Text schreiben kann und daher benötigen wir natürlich Geld, um das notwendige Equipment zu besorgen. Deshalb haben wir diese Crowdfunding-Kampagne gestartet.


Faszination Fankurve: Wer steckt hinter der Idee zu dem Film?
Freddy: Hinter der Idee stecken nur wir beide. Wir sind selber Fußballfans und haben uns vor knapp zwei Jahren in Wien kennen gelernt. Dort hat Naz damals Kunst & Film studiert und hat daher eben schon ein bisschen Erfahrung, was filmen betrifft. Nachdem wir gemeinsam in der Türkei waren, hat sich nun diese Idee entwickelt.
Naz: Auch wenn wir erst mal nur zu zweit sind, werden wir aber die Dreharbeiten mit einem Kreis an Freunden und ehrenamtlichen Helfern gemeinsam erledigen. Uns haben bereits Leute aus Istanbul und Ankara kontaktiert, die ihre Hilfe angeboten haben. Es ist uns wichtig dabei, dass es sich vor allem um Leute handelt, die selber aus der Fanszene kommen und von der Problematik betroffen sind.

Faszination Fankurve: Erklärt doch noch bitte im Detail, was es mit der Fankarte Passolig auf sich hat und was sich seit der Einführung der Karte verändert hat?
Naz: Die Karte wurde zu dieser Saison eingeführt. Rechtfertigt wird sie von der Regierung und dem Fußballverband TFF damit, dass durch sie die Gewalt aus den Stadien verbannt werden würde. Die Regelung gilt für jedes Spiel der Süper Lig und 1. Lig (2. Liga). Man muss beim Erwerb dieser Karte all seine Daten, sowie ein Foto abgeben, was beim Betreten des Stadions auch kontrolliert wird. Die Karte gilt nur für den Verein, bei welchem man die Karte gekauft hat. Das heißt, es ist auch nicht möglich, mal ein Spiel eines anderen Vereins zu besuchen.

Freddy: Diese Karte wird von der ‚aktıfbank‘ ausgestellt und hat darüber hinaus eine Funktion als Bank- und Kreditkarte. Man schließt einen zehnjährigen Vertrag ab und es fallen jährliche Gebühren in Höhe von 15 bis 40 Türkische Lira an, sowie 2 Lira pro Spiel, welches man besucht. Das heißt neben dem repressiven Effekt dieser Karte, werden hier auch noch Unmengen an Geld in die Kasse der ‚aktıfbank‘ gespült. Diese Bank gehört zur ‚Çalık Holding‘, die dem Schwiegersohn Recep Tayyip Erdoğans gehört und in deren Vorstand Mitglieder der AKP-Regierung sitzen. Der Öffentlichkeit soll diese Passolig aber als Allheilmittel gegen Gewalt im Stadion und der Fußball damit als familienfreundliches Produkt verkauft werden.

Faszination Fankurve: Wie würdet ihr von Istanbul aus aktuell das Verhältnis zwischen den Fans der drei großen Vereine beschreiben. Ist von den Gemeinsamkeiten vom Taksim-Platz im Alltag noch was zu spüren, oder wird die Rivalität wieder wie vor den Gezi-Park Protesten ausgelebt?
Naz: Wenn es Proteste oder Demonstrationen gegen die Regierung gibt, kommen die Fans verschiedener Vereine wieder zusammen, aber natürlich nicht mehr in dem Ausmaß, wie noch während Gezi. Aber die Konkurrenz und Feindschaft an den Spieltagen, oder im Alltag, besteht natürlich auch weiter.
Freddy: Ja, so nehme ich das auch wahr. Auf Demos sieht man nach wie vor alle Vereine. Im Alltag äußert sich die Feindschaft auch nicht krasser als anders wo. Wenn jemand mit Galatasaray-Schal in Kadiköy rumläuft, muss er nicht Angst haben, dass er dort nicht mehr lebend rauskommt. Dass derjenige dann aber angepöbelt wird oder so, kann schon vorkommen.

Faszination Fankurve: Auch mit Werbespots wird für die Fankarte geworben. Hat Euch der Spot zum Schmunzeln gebracht?
Naz: Die Werbung ist ziemlich lächerlich und ich denke, dass diese Werbung von Fans nicht ernst genommen wird und werden kann. Die Zielgruppe der Werbung sind mehr oder weniger ‚brave Bürger‘ und Familien. Das Bild des Fans, dass dort gezeichnet wird, ist sehr oberflächlich und dabei werden Gewalt und Pyro in einen Topf geworfen, obwohl das gerade in der Türkei ein sehr falsches Bild ist. Hier kann man Zehnjährige beobachten, die unter Aufsicht ihres Vaters zündeln, oder ältere Herren, die am Rakı-Tisch mit Bengalos hantieren.

Mit diesem Werbespot wird für die Fankarte im türkischen Fernsehen geworben:

Faszination Fankurve: Gibt es in der Türkei auch Fangruppen, die die Karte akzeptieren
Naz: Obwohl fast alle Gruppen zum Boykott aufgerufen haben, kaufen mittlerweile leider viele vereinzelte Fans diese Passolig. Das ist sehr schade. Die Liebe zum Fußball hier ist leider so groß, dass manche Leute nicht anders können, als diese Passolig zu kaufen und sich nicht vorstellen können, wie andere Fans zum Basketball zu gehen oder so. Außerdem üben hier auch die Vereine viel Druck aus und die Fans haben es schwer, Widerstand zu leisten.
Freddy: Ein befreundeter Galatasaray-Fan hat mir mal gesagt, er wüsste nicht, ob er seinen Boykott durchhalten kann, wenn es am 33. Spieltag beim Spiel gegen Beşiktaş noch um die Meisterschaft geht. Wie Naz gesagt hat, haben alle zum Boykott aufgerufen, was auch die meisten durchhalten, aber trotzdem kann man auch steigende Zuschauerzahlen im Vergleich zum 1. Spieltag sehen, wo wirklich fast jedes Stadion einfach leer war. Bei vielen ist die Fußballgeilheit halt größer als die Disziplin. Sowas funktioniert in Deutschland leider besser, muss ich sagen. So verliert der Boykott an Wirkung und der schlechte Zustand, wie er ist, droht, sich als Normalität einzuschleichen und das ist das, was auf keinen Fall passieren sollte. Aber trotz allem gibt es noch mächtigen und sichtbaren Protest. Fangruppen, die die Passolig akzeptieren sind zumindest mir nicht bekannt. Manche Gruppen sind halt konsequenter als andere, aber ablehnen tun sie eigentlich alle.
Naz: Da sind wir eigentlich schon beim Punkt, warum es wichtig ist, diesen Film zu machen. Bevor die Proteste untergehen, oder sich die Leute daran gewöhnen, dass wieder mehr Leute ins Stadion gehen, wollen wir die Proteste in den Mittelpunkt rücken!

Faszination Fankurve: Wie sieht es aktuell bei anderen Sportarten aus? Basketball und Volleyball sind in der Türkei ja ebenfalls beliebt.
Naz: Ja, nach der Einführung von Passolig haben viele Fangruppen verstärkt die Basketballteams oder andere Abteilungen supportet. Die Stimmung dort ist fantastisch, allerdings wird auch hier schon die Einführung von Passolig diskutiert.

Faszination Fankurve: Die türkische Stadionlandschaft steht vor großen Veränderungen. Haben die neuen Stadien Einfluss auf die dortige Fankultur?
Freddy: Naja, es ist die gleiche Entwicklung, wie sie in vielen Ländern schon fast abgeschlossen ist. Alte, oft charismatische Stadien müssen einheitlichen, modernen Arenen weichen. Das Paradebeispiel in der Türkei ist Galatasaray. Mit dem alten Ali-Sami-Yen-Stadion musste ein Stück Fußballgeschichte nun einfach einem Einkaufszentrum weichen. Stattdessen hat man nun eine moderne Arena irgendwo an einem Autobahnkreuz. Dadurch, dass das Stadion nun auch weit außerhalb liegt, ging auch die ganze Atmosphäre verloren, welche das alte Stadion, das mitten in Şişli gelegen war, versprühte. Neue Kamerasysteme ermöglichen dabei natürlich auch, solche Dinge wie Passolig einfacher umzusetzen und die Polizei hat es leichter, potentielle Störenfriede herauszufiltern, wie wir das ja auch alles schon aus Westeuropa kennen. Beşiktaş wandelt sein Stadion auch gerade in eine Vodafone-Arena um und dass nun sogar bei kleinen Vereinen wie Samsunspor solche Arenen gebaut werden, ist sehr schade und passt leider gut im Einklang mit dem Bild, was die Offiziellen seit der Einführung von Passolig verbreiten.

Faszination Fankurve: Wie kann man Euch bei der Umsetzung Eures Projekts unterstützen?
Naz: Wer mehr über die Situation in der Türkei, die wir schon angeschnitten haben, erfahren und uns unterstützen möchte, kann uns auf www.startnext.de/geisterspiel mit einem beliebigen Geldbetrag helfen. Wir benötigen 6.000 Euro. Das Geld geht zum größten Teil in Kamera & Equipment (ca. 5.000 Euro). Der Rest ist für Drehgenehmigungen, Verpflegung für unsere Interviewpartner, Visumskosten für Freddy usw.
Freddy: Außerdem gibt es kleine Dankeschöns für großzügige Spender. Für 25 Euro gibt's eine DVD des Films. Wer bereit ist, uns mit 300 Euro zu unterstützen, kann uns auch besuchen kommen und in unserer WG übernachten und uns bei den Dreharbeiten begleiten.
Wenn ihr kein Geld habt, weil ihr euch selber mit Repressionskosten rumschlagen müsst, oder einfach das Studentenbudget nicht ausreicht, könnt ihr uns auch einfach supporten, indem ihr helft, das Projekt bekannter zu machen. Wir haben auch eine Facebook-Seite, wo wir halbwegs regelmäßig aus der Türkei berichten. Einfach nach ‚Geisterspiel‘ suchen.*

Der Trailer zur Crowdfunding Kampagne:

Faszination Fankurve: Vor Start der Crowdfunding Kampagne mussten noch Probleme ausgeräumt werden. Was war da los?
Freddy: Puh, die Geschichte würde den Rahmen sprengen. Ganz knapp: startnext.de fordert, dass die Kontodaten, von einer Bank auf Richtigkeit bestätigt und authorisiert werden müssen. Wir waren aber, gleich nachdem die Kampagne online war, in der Türkei. Wir haben den Teaser ganz knapp vor unserer Abreise erst produziert gehabt. Aus der Türkei hat das dann alles nicht geklappt und wir haben uns von einer dritten Person helfen lassen. Dann hat die Sparkasse dieses Konto wegen Geldwäscheverdacht sperren lassen. Dann haben wir eben noch ein Konto bei der Raiffeisenbank aufgemacht. Das hat dann alles super geklappt, aber dann hat startnext.de festgestellt, dass eine Ziffer meiner Pass-Nummer falsch wäre und sie deswegen nicht freischalten können. Dazu muss man sagen, dass die Daten von ihnen selber falsch eingegeben wurden. Wir waren natürlich mit unserer Geduld am Ende, aber letztendlich hat startnext.de dann freundlicherweise eine Ausnahme gemacht und die Finanzierungsphase freigeschaltet und uns die Möglichkeit gegeben, das korrekte Dokument nachzureichen. Viel Ärger wegen ein bisschen Papierkram einfach.

Faszination Fankurve: Welche Verbindung habt ihr zur Fankultur beim Fußball und für welchen Verein schlägt Euer Herz?
Naz: Ich kam im Krankenhaus gegenüber dem alten Ali-Sami-Yen-Stadion zur Welt und hatte vor allem durch meinen Vater keine andere Wahl als Galatasaray-Fan zu werden. Er hat mich ins Stadion mitgenommen, wo ich auch schon eine Meisterschaft auf dem Rasen feiern durfte. Vor fünf Jahren bin ich nach Wien gekommen und dadurch entwickelte sich eine gewisse Distanz, aber spätestens seit Gezi wurde bei mir wieder ein Feuer geweckt. Seit ich wieder in Istanbul lebe, fiebere ich natürlich wieder für Galatasaray mit, auch wenn es am Fernseher natürlich komisch ist.
Freddy: Ich bin Glubbfan und habe in Nürnberg zuletzt beim Kurvenfunk mitgearbeitet, weshalb ich auch schon ein bisschen Medienerfahrung für das Projekt mitbringe. Was die Türkei betrifft, ist es schwer zu sagen. Durch Naz natürlich Galatasaray, auch wenn mir Beşiktaş schon immer sympathisch gewesen ist. Außerhalb von Istanbul drück ich aber auch noch Gençlerbirliği die Daumen.

Faszination Fankurve: Auch in Deutschland wurde zuletzt über die Einführung ein Fankarte debattiert. Welche Empfehlung könnt ihr auf Grund der Erfahrungen in der Türkei an Politik, Vereine und Verbände abgeben?
Freddy: Leider ist das gar nicht so abwegig und in Italien oder Polen z. B. schon lange Praxis und ehrlich gesagt, war die Diskussion überfällig. Ich kann natürlich nur empfehlen, solche Pläne möglichst zu unterlassen. Ich denke aber, dass die DFL registriert hat, dass sie ihr Produkt Bundesliga nicht zuletzt wegen der Fans so gut vermarkten kann. Eine Einführung hätte natürlich zwangsläufig einen Boykott zu Folge, der in Deutschland auch zu 100 Prozent durchgezogen würde. Und Bundesliga bzw. Fußball ohne Fans will echt kein Schwein, nicht mal Sky. Der größte Sponsor der Süper Lig ‚Ülker‘ droht auch schon, sein Sponsoring zurückzuziehen. Das sollte Warnung genug für die DFL sein.

Faszination Fankurve: Was unterscheidet einen Stadionbesuch in Deutschland von einem Besuch eines Stadions in der Türkei?
Naz: In der Türkei herrscht einfach viel mehr Chaos als in Deutschland. Das fängt beim Stadioneinlass an, wo man sich auch mal zu zweit durchs Drehtor quetschen kann. Weiter geht's bei der freien Platzwahl im ganzen Stadion. Es ist nicht denkbar, dass man aufgefordert wird, seinen Platz zu verlassen, weil man kein Ticket für genau diesen Sitz in genau dieser Reihe hat, wie es ja in Deutschland leider viel vorkommt. Und es zeigt sich sogar in den Fankurven. In Deutschland wartet jeder auf das Signal der Vorsänger, die bestimmen wann man anfängt oder aufhört. Jeder weiß, wann zu klatschen oder zu springen ist. In der Türkei singt einfach jeder, wenn er Lust hat. Wenn sich aber ein Lied durchsetzt, singt es das ganze Stadion gemeinsam.
Außerdem war ich in Deutschland bisher, über die massiven Polizeieinsätze schockiert und dass die deutschen Polizisten wegen jeder Kleinigkeit Anzeigen machen. In der Türkei gibt es auch Polizei und zum Teil sehr brutal. Aber 1.000 Polizisten bei einem Spiel gibt es nur bei einem Derby, um damit Tote zu verhindern.
Und dann natürlich Köfte statt Bratwurst.
Freddy: Und Sonnenblumenkerne! Ich hab auch noch zwei Punkte:
Erstens: Es gibt nicht so eine Distanz, wie sie es in Deutschland zwischen Sitz- und Stehplatzpublikum gibt. In Deutschland ist klar: In der Kurve stehen die Verrückten und schreien und auf dem Sitzplatz schaut man in Ruhe das Spiel. In der Türkei kannst du auch im Familienblock sehen, wie Vater und Sohn gemeinsam singen. Klar gibt es auch hier ‚Sitzplatzpublikum‘. Aber dass diese jetzt z. B. eine Pyroshow von Fans des eigenen Vereins auspfeiffen würden, weil es gegen ein Gesetz verstößt oder so, ist unvorstellbar.
Zweitens: Das Stadionprogramm ist angenehm unkommerzieller. Um das Stadion herum gibt es ein, maximal zwei offizielle Fanshops. Draußen verkaufen keine Caterer mit überteuerten Preisen, sondern normale Leute ohne Schanklizenz, aus ihrem Kofferraum oder Rucksack heraus. Schulkinder machen hier ein bisschen Kohle. Manche bauen ihren Köftegrill auf. Andere haben ein Kofferraum voller Bier, um sich den während des Spiels dann wieder mit Wasser voll zu laden, um die erschöpfte Meute nach dem Spiel zu erfrischen. Das gefällt mir sehr. Und auch das Stadionprogramm ist sehr cool. Der Stadionsprecher sagt einfach die Torschützen an und sonst wird die Stimmung den Fans überlassen. Aus den Boxen laufen nur Vereinslieder, die die Leute aus Überzeugung mitsingen. Keine nervigen Werbespiele oder so. Es könnte so schön sein ohne Passolig.

Faszination Fankurve: Gibt es in der Türkei aktuell einen Trend, dass mehr Fans wegen Passolig nun verstärkt unterklassige Spiele in der Türkei besuchen?
Naz: Den gibt es auf jeden Fall. Wie schon angesprochen, werden andere Sportarten unterstützt, aber viele Leute suchen sich einfach einen Verein in der 3. und 4. Liga. Davon gibt's ja gerade in Istanbul unzählige. Wer in Istanbul ist, sollte sich unbedingt ein Spiel in einer unteren Liga ansehen. Es ist für viele Leute wirklich Balsam für die Seele, auch wenn es kein 100%-iger Ersatz ist. Leider haben da aber Fans aus kleineren Städten wie z. B. Eskişehir nicht die Auswahl wie in Istanbul. Aber auch hier muss man abwarten, ob die Passolig nicht noch ausgeweitet wird. Erst vor zwei Wochen hat es bei einem Viertligaspiel in Karagümrük heftige Ausschreitungen gegeben, was auch in den Nachrichten kam und eine Ausweitung von Passolig auf weitere niedrigere Ligen ist leider denkbar.

Faszination Fankurve: Im Juni stehen in der Türkei Parlamentswahlen an. Hätte ein Regierungswechsel Einfluss auf die Situation in den Stadien?
Naz: Leider ist kein Regierungswechsel zu erwarten und in Umfragen liegt die AKP klar vorne. Daher ist eine Änderung der Verhältnisse nicht zu erwarten. Der Druck muss von unten kommen und die Fans sich organisieren.
Freddy: Wie Naz gesagt hat, ist es leider eine sehr spekulative Frage. Dass die AKP nicht gewählt wird, ist nahezu ausgeschlossen. Obwohl jeder um die schmierigen Geschäfte Erdoğans Bescheid weiß, obwohl jeder die abgehörten Telefonate kennt. In der konservativen Gesellschaft genießen er und seine AKP großen Rückhalt und es gelingt ihm gut, seine Gegner als Landesverräter oder Terroristen zu diffamieren, siehe Çarşı.
Ob die Situation sich unter der CHP verbessern würde ist sehr spekulativ und würde hier sicher den Rahmen sprengen, da die politische Situation in der Türkei auch einfach zu komplex ist. Hier bestimmt leider noch dazu viel Korruption das Bild und ich glaube nicht, dass die CHP dagegen immun wäre.

Faszination Fankurve: Wegen der Gezi-Park Proteste müssen sich auch die führenden Köpfe von ‚Çarşı‘, den Ultras von Beşiktaş, vor Gericht verantworten. Wie ist der aktuelle Stand des Prozesses?
Naz: Im Dezember war der erste Prozesstag, der von mehreren 1.000 Menschen vor dem Gerichtsgebäude solidarisch begleitet wurde. Nach einem Tag lässt sich noch keine Prognose abgeben. Den 35 Leuten wurde eben die Anklage vorgelesen, was ihnen vorgeworfen wird. Eben, dass sie versucht hätten, aus den Gezi-Protesten heraus, einen Umsturz zu organisieren. Einer der Angeklagten konterte ganz cool: hätte er so viel Macht, hätte er zunächst mal Beşiktaş zum Meister gemacht. Die Vorwürfe sind in der Tat absurd, aber ich befürchte, dass sie hier zumindest ein paar der Jungs als Bauernopfer für viele Jahre einbuchten werden.
Freddy: Der nächste Verhandlungstag ist im April. Wir wollen diesen Prozess natürlich auch begleiten.

Faszination Fankurve: Wie steht es um die Proteste gegen die Politik von Erdogan aktuell in der Türkei und welche Rolle spielen Fußballfans dabei noch?
Freddy: So fest die Regierung Erdoğans auch im Sattel sitzt: Proteste gibt es immer und das wird auch nicht aufhören, weil sie das Land dermaßen spaltet und noch mehr Gräben zieht, als es eh schon in der Gesellschaft gibt. Erst diese Woche jährte sich der Tod Berkin Elvans, der im Alter von 14 Jahren von einer Gaskartusche am Kopf getroffen wurde und anschließend verstorben ist. Er war schon das 8. Opfer seit dem Ausbruch der Gezi-Unruhen. Auch an dem Tag gab es viele Demonstrationen und in vielen Städten teilweise heftige Kämpfe mit der Polizei. Viele Menschensehen in der AKP Diebe und Mörder. Im Juni sind Wahlen und die Situation wird noch rauer, als sie eh schon ist. Die AKP hat mit ihrem neuen Sicherheitsgesetz schon klar gemacht, dass sie keinerlei Proteste dulden wird und sogar mit scheinheiligen Terrorismus-Paragrafen den Menschen das Recht zu demonstrieren wegnehmen will. Aber Proteste wird es geben. Fußballfans nehmen darin natürlich auch teil, weil sie genau wie viele andere Menschen, einen Hass auf diese Regierung haben. Sie haben dabei keine führende Rolle, oder lenken keine Proteste, aber sie werden da sein, wenn es darauf ankommt. Ob sie dabei als homogene Gruppe auftreten oder nicht, ist letztendlich auch egal. Fakt ist, viele Fans sehnen sich Veränderung herbei. (Faszination Fankurve, 13.03.2015)

Hier geht es zur Crowdfunding-Seite zu dem Filmprojekt.




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