20.11.2012 - Ich fühl‘ mich sicher

Interview mit „Ich fühl` mich sicher“-Initiatorin


Laut der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze sind die verletzen Personen in der letzten Saison angestiegen. Trotzdem haben sich knapp 50.000 Fußballfans bei der Kampagne „Ich fühl` mich sicher“ eingetragen. Faszination Fankurve sprach mit der Initiatorin der Kampagne.

Faszination Fankurve: Wie kam es zu der Idee die Initiative „Ich fühl` mich sicher“ zu gründen und wie nahm diese dann konkretere Formen an?

Ramona Steding: Die Idee dazu hatte ich schon länger im Kopf, aber nachdem die Diskussion um Gewalt im Fußball und das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ medial derart Thema war und wir auch bei uns im Revierderby diesmal eine sehr hysterische Berichterstattung erleben mussten, war es dann doch ein recht spontaner Entschluss, den wir binnen drei Tagen dann in die Tat umgesetzt haben.

Faszination Fankurve: Ihr habt die Initiative am Tag der Fanzusammenkunft bei Union Berlin gestartet, wo die Fans gemeinsame Positionen zum DFL-Sicherheitspapier entwickelt haben. Zufall?

Steding: Das ist wahrscheinlich die Stelle, an der wir behaupten müssten, dass das alles ein großer Masterplan gewesen ist. Tatsächlich war es eher eine Verkettung „glücklicher“ Umstände: Ich habe die Idee sonntags bei uns vorgestellt, unsere Technik-Crew konnte das Ganze dank großartigem Einsatz schnell umsetzen und der Donnerstag bot sich dann aus zweierlei Gründen an: In NRW war Feiertag und wir konnten das ausreichend begleiten und in Berlin eben das Treffen bei Union, wo wir das Ganze auch gleich einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen konnten. Unser Ziel ist ja letztlich auch, in dieser Diskussion einer schweigenden Mehrheit das Wort zu geben.

Faszination Fankurve: Am 12. Dezember 2012 wird in der DFL über das Sicherheitspapier „sicheres Stadionerlebnis“ diskutiert und abgestimmt. Was sind eure Erwartungen für diesen Tag?

Steding: Aktuell deutet ja alles darauf hin, dass das Sicherheitspapier noch einmal überarbeitet wird oder wurde. Das ist auch dringend nötig, aber es hat sich durch die Ablehnung auch renommierterer Vereine ja bereits gezeigt, dass das wohl kaum 1:1 so umgesetzt werden würde.

Faszination Fankurve: Was sind eure Argumente, warum man sich in einem deutschen Stadien im Jahr 2012 sicher fühlen kann?

Steding: Die Frage muss ja eher lauten, warum man sich unsicher fühlen sollte? In der öffentlichen Diskussion wird uns ja zuletzt immer wieder suggeriert, man müsse beim Fußball Angst um sein Leben haben, insbesondere Frauen und ganze Familien müssten sich den Stadionbesuch besser dreimal überlegen. Tatsächlich bricht die Liga immer wieder neue Zuschauerrekorde und man sieht immer häufiger als früher Familien mit kleinen Kindern in den Stadien. Die sind ja nicht alle verantwortungslos und ignorant, sondern fühlen sich eben sicher und gut aufgehoben dort.

Und das ist ja nicht nur das subjektive Empfinden, es gibt dafür ja auch objektive Zahlen. Von rund 21.000 Menschen, die ein Erst- oder Zweitligaspiel besuchen, wird gerade mal einer verletzt – und das muss dann noch nicht einmal durch Gewalteinwirkung passiert sein.

Das sind Zahlen, da kann keine andere Großveranstaltung wirklich mithalten, egal ob wir von Volks- oder Straßenfesten, Musikkonzerten oder Festivals sprechen. Beim Münchner Oktoberfest verletzten sich täglich so viele Menschen wie in einer gesamten Bundesligasaison. Dort hat die Polizei in diesem Jahr allein 66 Angriffe mit Maßkrügen verzeichnet und ist ausdrücklich froh darüber, dass es zu keinem Tötungsdelikt gekommen ist. Und trotzdem kommt niemand auf die Idee, vor den Bierzelten verschärfte Kontrollen einzuführen – oder auch nur Plastikbecher zu fordern.

Man darf das Ganze natürlich auch nicht verharmlosen: Es gibt Gewalt beim Fußball und jede Gewalttat ist definitiv eine zu viel und gehört auch verfolgt und bestraft. Darüber darf es ja gar keine zwei Meinungen geben. Uns stört nur kolossal, dass das Thema Gewalt beim Fußball in der Diskussion einen Stellenwert eingenommen hat, den die Gewalt dort real gar nicht hat.

Man muss das einfach mal so offen aussprechen: Hunderttausende strömen Woche für Woche ins Stadion, ohne jemals mit Gewalt in Berührung zu kommen

Faszination Fankurve: Bisher haben sich über 40.000 Fans in eure Unterschriftenliste eingetragen. Habt ihr mit einem solchen Erfolg gerechnet?

Steding: Ja, um ehrlich zu sein schon, zumindest haben wir darauf gehofft. Ich denke auch, dass das ein sehr ordentliches Ergebnis ist nach zwei Wochen. Man muss sich das mal verdeutlichen: Wir haben jetzt knapp 43.000 Unterzeichner – das ist die Menge Zuschauer in einem durchschnittlichen Erstligastadion. Wir sehen da aber gleichzeitig auch noch Luft nach oben. Es gibt eine ganze Menge Vereine, bei denen sich bisher erst mehrere Hundert Fans eingetragen haben, während es bei anderen schon deutlich vierstellig ist. Unsere Kollegen von „Der Betze brennt“ haben im Kaiserslauterner Umfeld zum Beispiel diese Woche ordentlich Alarm gemacht und um Einträge geworben. Das wünschen wir uns eigentlich auch im Rest des Landes. Je mehr Unterzeichner wir am Ende haben und je breiter sich diese über die Republik verteilen, umso deutlicher ist das Zeichen, das die Aktion setzen kann.

Faszination Fankurve: Wie lange kann man sich noch in der Liste eintragen und was passiert mit der Unterschriftenliste?

Steding: Wie lange wir die Aktion laufen lassen, steht noch nicht abschließend fest, aber jeder Eintragungswillige sollte das grundsätzlich besser heute als morgen tun, weil das ja auch wiederum ein Signal und ein Ansporn an andere ist.

Die Liste selbst soll zunächst einmal für sich stehen und verdeutlichen, wie viele Stadiongänger in Deutschland sich nicht durch die Unsicherheits-Debatten vertreten fühlen. Dafür ist jeder einzelne Eintrag unheimlich wichtig, um am Ende auch eine möglichst große Zahl in die öffentliche Diskussion einbringen zu können.

Faszination Fankurve: In der letzten Woche würde über Vollkörperkontrollen beim Spiel Bayern München gegen Eintracht Frankfurt diskutiert. Fühlt ihr euch durch solche Kontrollen noch sicherer im Stadion?

Steding: Auch hier mal anders gefragt: Wenn man sich das Ordnungspersonal anschaut, das in den Gästeblöcken so in der Regel eingesetzt wird: Kann man sich ernsthaft sicher fühlen, wenn man von diesen Leuten in einen abgetrennten Bereich geführt wird, wo man sich dann auch noch möglichst umfassend entkleiden soll?

Und weshalb vor allem? Ich persönlich kann von mir sagen, dass ich im Stadion niemanden gefährde und mich umgekehrt auch nicht gefährdet fühle.

Und wer wird da am Ende überhaupt kontrolliert? Die, die besonders verdächtig aussehen? So doof sind die, die etwas im Schilde führen, ja auch nicht. Also müsste man streng genommen auch alle zunächst Unverdächtigen dieser Prozedur unterziehen, im Endeffekt kann das dann also jeden treffen. Das ist einfach unglaublich willkürlich und am Ende völlig unverhältnismäßig. Der Umfang der Kontrollen geht ja noch viel weiter als Kontrollen an Flughäfen oder so. Mir fehlt da am Ende einfach die Verhältnismäßigkeit und das ist seinerzeit ja auch schon mal gerichtlich festgestellt worden, als sich eine Dresdner Anhängerin in Saarbrücken vor der Polizei entkleiden musste, nur weil sie besonders unauffällig wirkte. Und heute sprechen wir ja nicht einmal über Polizeikontrollen, das sollen wie gesagt ja anscheinend sogar Ordner durchführen. (Faszination Fankurve, 20.11.2012)

Hier kann man sich in die Liste eintragen, wenn man sich in deutschen Stadien sicher fühlt.




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