22.07.2010 - FSE

Fanvertreter aus ganz Europa trafen sich in Barcelona


Am vergangenen Wochenende fand der bereits dritte Fankongress der Football Supporters Europe (FSE) in der katalonischen Hauptstadt statt. Gemeinsam wurde aktiv an der Zukunft der Fankultur gearbeitet und ein neues Komitee gewählt.

Mehr als 250 Fanvertreter und -vertreterinnen aus ganz Europa und einigen nicht europäischen Ländern fanden sich nur eine Woche nach der großen Fußballweltmeisterschaft in Südafrika in der katalonischen Hafenstadt Barcelona ein, um gemeinsam über den Erhalt und Fortbestand der Fankultur zu debattieren. Zwar war die Teilnehmerzahl im Vergleich zum Vorjahr etwas rückläufig, doch Daniela Wurbs, Koordinatorin der FSE, sieht darin keinen Rückschritt, sondern durchaus einen Vorteil: „Die geringere Teilnehmerzahl am Kongress bedeutet nicht, dass sich weniger für uns, die FSE, interessieren. Eventuell lag die Teilnehmerzahl auch an dem von uns gewählten Termin, da fast überall in Europa Ferienzeit ist. Aber es gab auch andere kurzfristige Ausfälle zu verzeichnen, wie beispielsweise Vertreter aus Sierra Leone und Südafrika. Ihnen ist schlichtweg das Einreisevisum für Spanien verweigert worden, was sehr schade ist, da wir gerne von ihnen einige Impressionen aus Afrika, insbesondere von der WM in Südafrika, gehört hätten. Allerdings hatte all dies auch den Nutzen, dass in den Workshops in kleinen Gruppen viel konkreter und zielgerichteter gearbeitet werden konnte.“

Für die angereisten Fans stellte die FSE an allen drei Tagen ein buntes Rahmenprogramm auf die Beine. Die Begrüßung aller Teilnehmer, unter anderem vom Vorsitzenden des katalonischen Fußballverbandes, fand im legendären Camp Nou des FC Barcelona statt, wo alle Besucher individuell das Stadion erkunden konnten. Nach Angaben von Wurbs war das Camp Nou sogar als Lokalität für den Fankongress angedacht und es gab zu Beginn des Jahres schon Anzeichen, dass es klappen könnte, doch die Präsidentenneuwahl des FC Barcelona stellte die Kommunikation zwischen beiden Parteien auf einen harten Prüfstand, da der katalonische Spitzenclub mit fast 175.000 Mitgliedern sein Tun voll auf die Neuwahl des Präsidenten fokussierte. Letztendlich lief den Organisatoren des Fankongress die Zeit etwas davon, weshalb auch bei Stadtrivale Espanyol Barcelona angefragt wurde und dieser gleich zusagten. Der 11. der vergangenen Saison in der Prima Division bot eine ebenfalls beeindruckende Lokalität als Kongressort an. Das Estadio Cornellà-El Prat wurde für 80 Millionen Euro erst vor einem Jahr mit einem 3-0 Sieg von Espanyol Barcelona gegen den FC Liverpool eingeweiht und sollte dem Fankongress eine würdige Kulisse bieten.

Verteilt über das gesamte Stadion fanden am Samstag sechs Workshops parallel statt. Die Themen der Workshops deckten ein breitgefächertes Spektrum ab. So gab es Arbeitsgruppen zu den Themen Sanktionsformen im Fußball und die Alternativen, die kaputte Fußballwirtschaft, Ultras, weibliche Fußballfans, das Fanbeauftragtenmodell in Europa und eine Fanperspektive auf die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. „Die Workshops waren allesamt durch die Teilnehmerzahl nicht so groß wie im vergangen Jahr in Hamburg. Dies ermöglichte ein wirklich aktives Mitwirken in den jeweiligen Gruppen. Einige Teilnehmer bestätigen mir später sogar, dass es in diesem Jahr wirklich geglückt sei, dass jeder in den Workshops einen Teil dazu beitrug und niemand nur mit dabei saß und zuhörte. Das ist ein großer Erfolg. Allgemein waren die Arbeitsgruppen so strukturiert, dass vormittags Ideen in den jeweiligen Gruppen gesammelt wurden, die dann nachmittags ausgearbeitet und konkretisiert wurden“, erklärt Wurbs.

Die Ergebnisse von Samstag werden nun in den kommenden Wochen noch weiter ausgearbeitet und umgesetzt. „Im Ultras-Workshop herrschte von Beginn an mehr oder weniger Konsens darüber, dass man sich auch weiterhin für den Erhalt der Fankultur und -rechte einsetzen muss. So stimmten auch alle Teilnehmer zu, dass diesbezüglich ein Aktionstag durchgeführt werden soll, der auf unser Anliegen hinweist.“ Wann dieser Aktionstag umgesetzt wird, ist noch unklar, Wurbs hofft allerdings auf eine zeitnahe Umsetzung, da die Motivation unter den Workshop Teilnehmern sehr hoch war.

Das Thema Sanktionen brachte ebenfalls schon ein fast greifbares Resultat zu Tage. „Die Lösungsansätze des Workshops werden in den kommenden Tagen noch konkretisiert und ausformuliert, danach wird das Schreiben schnellstmöglich an die UEFA weitergeleitet“, berichtet Wurbs. Mit diesem Anliegen möchte die FSE gegen Stadionsperren und Spiele ohne Fans vorgehen, die es in den letzten Monaten auch zunehmend in Deutschland zu verzeichnen gab. Eventuell verläuft der Einsatz ähnlich erfolgreich, wie er beim Thema Fanbeauftragten in der Vergangenheit war. Daniela Wurbs erklärt den errungenen Erfolg: „Die UEFA hat nach wiederholten intensiven Gesprächen mit uns und Supporters Direct den Punkt Fanbeauftragter in das Lizensierungsverfahren aufgenommen. Somit sind alle Vereine, die an europäischen Wettbewerben teilnehmen, in Zukunft verpflichtet, einen professionellen Fanbeauftragten in den eigenen Reihen aufzustellen.“

Überhaupt scheinen sich für die FSE immer mehr Türen zu öffnen. Wurbs bestätigt dies und erklärt dies damit, dass von allen Seiten, nicht nur von den Fans eine immer größere Gesprächsbereitschaft bestehe. „Wir sind für viele Dinge im Fanbereich eben eine greifbare Institution geworden, und mit der Anerkennung der UEFA werden wir auch ernst genommen. Kommunikation ist das wichtigste und dies sollte auch immer bedacht werden. Aber wir wissen auch, dass wir ohne die Aktivität unserer Mitglieder nicht dort wären, wo wir jetzt sind“, so Wurbs. Als Beispiel nennt Wurbs eine Ultras-Konferenz zu Beginn des Jahres in Wien. Die vom Europarat ins Leben gerufene Konferenz brachte Politik und Fans aus ganz Europa an einem Tisch und die 16 Delegierten der FSE fuhren beim Thema „Pyrotechnik“ keinen Kuschelkurs, wie man es hätte annehmen können, sondern standen auch auf so großer Bühne hinter ihren Idealen und sprachen für die Fans. Und dies war bei dieser Konferenz sehr wichtig, denn am Beispiel Pyrotechnik sollte deutlich gemacht werden, wie passioniert manche Fans in den Stadien agieren. Da in Österreich erst im Januar das Pyrogesetz deutlich verschärft wurde und viele Länder eigene Fanvertreter einluden, nahm die FSE an, dass sich auch die österreichische Regierung mit den Fans in Verbindung setzen würde, weshalb die 16 Vertreter breitgefächert aus allen Teilen Europas aufgestellt waren. „Dass aus Österreich kein Fanvertreter eingeladen wurde, zeigte auch den damals fehlenden Austausch zwischen Fans und Polizei. Wir erfuhren erst später, dass keine österreichischen Fans eingeladen wurden, weshalb wir auch etwas für sie sprachen“, erläutert Wurbs die Situation vor Ort. Im Nachhinein gab es in den österreichischen Kurven eine große Diskussion über die Ultras Konferenz in Wien, da die Fans der Alpenrepublik zu dieser auch sie selbst unmittelbar betreffenden Konferenz im eigenen Land selbst nicht einmal eingeladen waren.

Wohin der Weg der FSE in der Zukunft führt, ist indes noch nicht ganz klar Das hängt auch stark von der zeitnahen Umsetzung der jetzt beschlossenen Projekte aus den Workshops ab. In Barcelona wurde am Sonntag bei der Mitgliederversammlung ein neues Exekutivkomitee gewählt, das sich dieser Aufgabe gemeinsam mit den Mitgliedern annehmen soll Kevin Miles von Football Supporters’ Federation aus England, Christina Magnussen von Norsk Supporterallianse aus Norwegen, Dirk Vos von Supportersfederatie Profclubs aus Belgien, Michal Riecanský von The Stands Are Ours! aus der Slowakei und Shay Golub von den Israfans aus Israel sowie Tam Ferry von der Association of Tartan Army Clubs aus Schottland sind wiedergewählt worden. Christian Bieberstein von Unsere Kurve aus Deutschland und Pedro Miguel Silva von AAS – Sporting Club de Portugal komplettieren als neue Mitglieder das Komitee.

Nun heißt es die Workshopergebnisse auf einen guten Weg zu bringen und vor allem miteinander zu kommunizieren, sich auszutauschen und sich damit gegenseitig zu unterstützen. Daniela Wurbs kennt sich diesbezüglich sehr gut aus. Ihre Arbeit im Koordinationsbüro der FSE besteht unter anderem darin, täglich E-Mails und Telefonate von Fans rund um den Globus zu beantworten und ihnen zu helfen. Ein Grundstein für eine noch bessere Kommunikation unter den Fans könnte schon Ende des Jahres kommen. Denn dann möchte die FSE eine neue Webseite präsentieren, die im Social Networking-Stil gehalten werden soll, „wichtig ist es vor allem, dass die Fans regelmäßig informiert werden”, so Wurbs. In nicht all zu weiter Ferne geht es für die FSE auch schon wieder an die konkreten Planungen für den vierten Fankongress, der auf speziellen Wunsch der Ultragruppe Alpha Brøndby am ersten Juliwochenende im Brøndby-Stadion vor den Toren der dänischen Hauptstadt Kopenhagen stattfinden wird. (Faszination Fankurve, 21.07.2010)





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