16.08.2007 - Rot-Weiß Oberhausen

Als erster Schritt die Befreiung der Stadt Oberhausen


Kami ist bei der Handtuchmafia und der Interessengemeinschaft Fans aktiv. Nach einem Jahr in der Viertklassigkeit erzählt der 27-Jährige, was bei Rot-Weiß Oberhausen nach dem Aufstieg in die Regionalliga und vor allem der näheren Zukunft möglich ist.

Faszination Fankurve: Wie hat die Szene den Ausflug in die Oberliga überstanden? War das Jahr in mancher Hinsicht vielleicht sogar hilfreich?

Kami: Eigentlich sehr, sehr gut! Die „Sonderschicht 2006/07“, unter welchem Arbeitstitel die Ehrenrunde in der Oberliga stand, brachte viel Positives für die Szene. Natürlich hatten wir auch darunter zu leiden, dass wir dieser Oberliga eine Nummer zu groß waren. Die Vereine konnten selten entsprechende Strukturen aufweisen, die meist über 1.000 Gästefans aus Oberhausen gerecht wurden. Schon im Vorfeld gab es kaum kompetente Ansprechpartner für unsere Vereinsführung oder für unsere Fanbeauftragten. Auch daraus resultierten Vorfälle wie in Speldorf als das Spiel mehrfach unterbrochen werden musste und es diverse Randerscheinungen gab. Die Meldungen von diesen Vorfällen brachten wiederum eine kollektive Hysterie bei den kleinen Vereinen mit sich. Von da an war man kein gern gesehener Gast mehr, sondern musste extreme Käfighaltung und übertriebene Polizeibegleitung über sich ergehen lassen. Unser Verein hat dann an einer Besserung der Situation gearbeitet und das zum Saisonende auch in den Griff bekommen. Blickt man zurück brachte dieses Jahr jedoch deutlich mehr Gutes und es war vielleicht auch hilfreich. Mit dem Abgang des kompletten Vorstandes nebst Gefolgschaft, konnte die neue Vereinsführung einen echten Neuanfang starten, nachdem die fast sichere Insolvenz abgewendet wurde. Nur so konnte sie einige Wege gehen, die für die Fanszene sehr zuträglich waren. Zum Beispiel wurde auf der Gegentribüne der „Supportersblock“ eingerichtet, der eine ganz neue Dimension von Support in Oberhausen ermöglichte. Das gefiel. Dazu hat der Verein auch auf anderen Ebenen genau richtig gearbeitet und, zusammen mit dem sportlichen Erfolg, konnte der Zuschauerschnitt so deutlich verbessert werden. Am Ende der Saison waren wir dann endlich wieder in der Top-100-Zuschauer-Statistik vertreten. Beim letzten Heimspiel der Saison kamen über 6.000 Zuschauer. Das Bemerkenswerte daran ist, dass es 6.000 eigene Fans waren. Das stellt die beste Zeit in der 2. Bundesliga in den Schatten, von der Abstiegssaison aus der Regionalliga ganz zu schweigen. Der Gesamtverein RWO, zu dem sich auch die Fans zählen dürfen, hat die Oberligasaison also genutzt und ist auf dem Weg nach oben.

Faszination Fankurve: Gibt es angesichts der riesigen Konkurrenz im Ruhrpott und der Umgebung überhaupt nennenswerte Nachwuchszahlen?

Kami: Ja, ich denke schon. Die Konkurrenz ist groß und sogar in der eigenen Stadt bekannten sich in der Vergangenheit weniger zu Rot-Weiß als zu Schalke, Dortmund und wie sie alle heißen. Aber RWO möchte sich es nicht noch einmal leisten, eine ganze Fan-Generation zu verlieren, wie das beim Niedergang in den 90ern geschehen ist. Daran wird gearbeitet. Und ich denke gut! Der Supportersblock ist nicht die einzige Neuerung innerhalb des Stadions. RWO hat auch einen Familienblock eingerichtet und startet Aktionen, um gerade den Fannachwuchs zu fördern. Wir haben mittlerweile eine sehr junge Kurve. Wenn wir diesen neuen Weg weiter und beständig gehen, dann sieht die Zukunft schon besser aus. Natürlich ist der erste Schritt die Stadt Oberhausen zu „befreien“, aber da ist man auf einem guten Weg. Der Verein kommt wieder an.

Faszination Fankurve: Entsteht um den Club eine Euphorie – nicht nur angesichts des unerwarteten Auftaktsiegs gegen Essen?

Kami: Für die Verhältnisse in Oberhausen ist auf jeden Fall eine Euphorie zu spüren. Der erste Derbysieg in Essen nach 44 Jahren wurde natürlich sehr euphorisch gefeiert. Das war für jeden RWO-Fan etwas Besonderes. Und zuvor gab es Zweifel, ob wir mit unserem Team in der Regionalliga mithalten und das Ziel der Qualifikation zur 3. Bundesliga erreichen können. Man war skeptisch, ob es ausreicht, den Konkurrenten bloß in Sachen Teamgeist überlegen zu sein. Dieser Saisonauftakt hat alle begeistert. Flammeninferno hatte zum nächsten Heimspiel T-Shirts anlässlich des Derbysieges drucken lassen - die Shirts waren nach eineinhalb Stunden ausverkauft. Aber dieser Sieg ist nicht hauptsächlich für die Euphorie zuständig: Die schon angesprochenen neuen Wege, die von der Vereinsführung eingeschlagen wurden, sorgen dafür, dass man freudiger in die Zukunft blicken kann. Natürlich weiß jeder, dass es auch Dämpfer geben wird.

Faszination Fankurve: Wie sieht es mit Fan-Aktionen, also Choreos und dergleichen aus?

Kami: Choreos gibt es nach wie vor in recht regelmäßigen Abständen - sowohl auswärts als auch bei Heimspielen. Das war auch in der Oberliga so. Highlight war die Choreo beim letzten Heimspiel gegen Solingen. Auf Initiative unseres Dachverbandes „IG Fans e.V.“ hatten die drei Gruppen Semper fidelis, Flammeninferno und Handtuchmafia ’99“ zusammen eine Choreo auf die Beine gestellt. Zuvor hatte man sich bei Aktionen eher abgewechselt. Der Wille die Kräfte auch in Zukunft zu vereinen und gemeinsame Aktionen zu machen ist da. Ob das letztendlich auch so laufen wird, muss man abwarten. Voraussetzung für tolle Kurvenshows ist ein gefüllter Fanblock. Die Ideen sind da. In der Vergangenheit scheiterten wir nicht selten an der Umsetzbarkeit, aufgrund eines sehr übersichtlichen Fanblockes. Der „Supportersblock“ hat die Möglichkeiten bereits erweitert und wenn dieser noch voller wird, dann kann es auch anspruchsvollere Choreographien geben.

Faszination Fankurve: Angeblich soll sich auch in punkto Niederrheinstadion etwas tun…

Kami: Das ist richtig. Die Emschergenossenschaft baut die Emscher und das umliegende Areal um. Nach Oberhausen, wo es die meisten Flusskilometer gibt, gehen insgesamt 320 Millionen Euro für den Umbau der so genannten Emscherinsel, dem Landstrich zwischen Rhein-Herne-Kanal und der Emscher. 90 Millionen Euro sollen davon in den „Emscher Sportpark“, bei dem das Stadion Niederrhein eine zentrale Rolle spielt, wandern. Das Nutzungskonzept der Stadt Oberhausen sieht ein reines Fußballstadion vor. Die weiten Kurven werden weichen und es entstehen neue Hintertortribünen. Die Haupt- und Gegentribüne rücken an das Spielfeld ran. Es entstehen außerdem VIP- und Business-Bereiche und mit einer Plaza wird die Eingangssituation neu gestaltet. Als Fassungsvermögen sind 15.000 angedacht, wovon 40 Prozent auf Stehplätze entfallen. Außerdem wird die ganze Infrastruktur rund um das Stadion deutlich verbessert. Derzeit wird alles geprüft. Aber wenn das so funktioniert, wie sich es die Stadt und der Verein wünschen, kann der Umbau schon im Herbst beginnen. Zur Kulturhauptstadt 2010 soll der Umbau abgeschlossen sein. Der Oberhausener ist, was Visionen für die Stadt angeht, ein gebranntmarktes Kind und viele werden es daher erst glauben, wenn das neue Stadion steht. Man hat aber auch Grund zur Zuversicht: Die Stadt Oberhausen und RWO wollen sich so eine einmalige Chance für alle Sportarten, die dort mit eingebunden sind, nicht entgehen lassen. Ich persönlich glaube, das die Chance genutzt wird. Vielleicht werden nicht alle Wünsche zu 100 Prozent erfüllt, aber es wäre für RWO mit Sicherheit eine tolle Sache.

Faszination Fankurve: Was macht der Fan-Dachverband "IG Fans e.V."?

Kami: Die Entwicklung der IGF stand im vergangenen Jahr im krassen Gegensatz zu den ganzen positiven Entwicklungen. Um mehr Aktivität und eine breitere Fanbasis für die IGF zu bekommen, hat man in der letzten Saison den Schritt vom Zusammenschluss der Fanclubs „IG Fanclubs“ zur Interessengemeinschaft der RWO-Fans vollzogen und wurde darüber hinaus eingetragener Verein. Leider legte die IGF einen klassischen Fehlstart hin und die Ziele wurden noch nicht annähernd erreicht. Die Mitgliederzahlen sind peinlich und das Engagement lastet auf wenigen Schultern. Zwar wurden einige schöne Aktionen durchgeführt, aber das Ziel, die IG der breiten Fanbasis zu werden, ist noch in weiter Ferne. Schöne Aktionen der IGF waren neben der Aufstiegschoreo, Fanstände in der Stadt oder das Spiel einer Fanauswahl gegen die erste Mannschaft von RWO. Die Aktionen finden allesamt positiven Anklang in der Fanszene, doch bisher konnte man noch kaum jemanden für die IGF gewinnen. Als Erklärungsansatz könnte gelten, dass es den RWO-Fans zurzeit zu gut geht, da die Vereinsführung sich um die Wünsche der Fans sorgt. Der Verein selber unterstützt und begrüßt eine Plattform wie die IGF sehr. Das ist bei anderen Vereinen ja durchaus mal umgekehrt. Die IG Fans wird nicht mehr lange in der Lage sein, weitere Aktionen mit so wenig Manpower am Leben zu halten, wenn sich nicht weitere Fans anbieten. Derzeit möchte die IGF einen zweiten Anlauf starten. Die Hoffnung ist noch nicht aufgegeben. Da ich in der IGF selber sehr aktiv bin, würde ich mir wünschen, dass dieser zweite Start deutlich schwungvoller vonstatten geht und der Fan-Dachverband zum Erfolg wird.

Faszination Fankurve: Klagen über die Zusammenarbeit mit dem Verein hört man von RWO-Fans kaum. Hat das auch damit zu tun, dass der Club in den unteren Ligen auf die Fans stärker angewiesen ist? Erzähl mal generell etwas zum Verhältnis zu den Vereinsoberen.

Kami: Natürlich sind Vereine in unteren Ligen stärker auf ihre Fans angewiesen, aber das ist es bei uns nicht. Unsere neue Vereinsführung hat ein ganz anderes Verständnis davon, welche Rolle die Fans im Verein spielen. Wir werden als wichtiger Bestandteil des Vereins angesehen. Das kommt vielleicht auch daher, dass wir im Vorstand und im Aufsichtsrat „unsere“ Leute haben. Es waren Personen wie Thorsten Binder und Kai-Uwe Großjohann, die Fans wie wir waren, mit uns in den Gästeblöcken wie Burghausen standen und als der Vorstand um Hermann Schulz das sinkende Schiff RWO verließ, von der „Stunde Null“ an die Mitverantwortlichen für die Rettung des Vereins waren. Man muss der neuen Vereinsführung eigentlich die Füße küssen, denn sie haben nicht nur eine fast sichere Insolvenz abwenden können, sondern darüber hinaus auf allen Ebenen sehr gut gearbeitet. RWO wird seitdem ganz anders wahrgenommen. Die Vereinsführung ist im Begriff viele Mosaiksteinchen - transparentere Vereinspolitik, verbesserte Pressearbeit, Betreuung der Sponsoren, Fanbetreuung, Stadionkomfort, Wahrnehmung sozialer Verantwortung, Fanakquise, Traditionspflege und so weiter - zusammenzusetzen und damit Erfolg zu haben. Seit dieser Saison heißt der erste Mann unseres Vorstandteams Hajo Sommers. Auch er ist vom RWO-Fan zum RWO-Präsi geworden und er und seine Vorstellungen kommen in der Fanszene gut an. Hajo Sommers ist ein echtes Original, kein typischer Vereinsboss. In Interviews sprach er davon, aus RWO eine Art FC St. Pauli zu machen. Das kam in der Fanszene nur zum Teil an. Eine schlechte Kopie will hier niemand werden. Aber damit gemeint war wohl eine Profilschärfung: RWO als der etwas andere Verein! Das Verhältnis zum Verein ist also recht gut. Der Verein hat sich sehr viel Kredit erarbeitet. Selbst in der Oberliga hat er mit wenig Geld Dinge geschaffen, die noch in der 2. Bundesliga als unmöglich galten. Mit Thorsten Binder hat RWO ein Vorstandsmitglied, das direkt für den Bereich „Fans“ zuständig ist. Die Kommunikationswege sind also sehr kurz und meistens sehr fruchtbar. Auch zu unseren zwei Fanbeauftragten sind die Kontakte in beiden Richtungen ausgezeichnet. Natürlich ist es auch für einen Vorstand, der teilweise aus der Fanszene kommt, unvermeidlich, Stadionverbote auszusprechen. So kürzlich geschehen. Aber ich denke, der Fanszene werden nicht mit Absicht Steine in den Weg gelegt. Also: In dieser Hinsicht haben wir keinen Grund für Klagen.

Faszination Fankurve: Warst Du beim Fan-Kongress in Leipzig? Jemand anderes aus der Szene?

Kami: Ich war nicht anwesend und auch sonst keiner aus der Szene. Die Frage nach dem Warum kann ich nicht genau beantworten. Vielleicht sind wir noch nicht so weit und zuviel mit uns selbst beschäftigt. Das soll aber nicht heißen, dass wir uns nicht für die angesprochenen Themen interessieren. Gerade aktuell ist bei uns das Thema der Änderung der Stadionverbotsrichtlinien. Durch den Aufstieg in die Regionalliga greifen einige unserer Stadionverbote wieder und es sind darüber hinaus noch welche hinzugekommen. Da hoffen natürlich einige auf Fortschritte in dieser Sache. Wir werden schauen, dass wir in Zukunft noch Kräfte übrig haben und in solchen Sachen unser Engagement einbringen können.

Faszination Fankurve: Was sagst Du zu den bisherigen Ankündigungen?

Kami: Das Ganze ist sehr zu begrüßen und nicht zuletzt auch in unserem Interesse. Man darf wohl noch skeptisch bleiben, was alles umgesetzt werden wird. In Sachen Stadionverbotsrichtlinie sind wir - wie angesprochen - sehr erwartungsvoll. (Faszination Fankurve, 16.8.2007)

Fanfotos Rot-Weiß Oberhausen




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